Artikelübersicht
zurückblättern
nächster Artikel



Walter & Marianne Kaiser-Bingel

Tanz - Wandel im Zeichen der Mode

Am Beispiel der Tanzschule Kaiser


Zeitungsausschnitt Juli 1972

Heisse Popmusik, gedämpftes Licht, Jünglinge in Pullis und Turnschuhen und Mädchen in Hosen und Hippie-Spiegelbusen, sich rauchend und Coca trinkend um Clubtischen gruppierend oder zum aufreizenden Rhythmus der Musik tanzend...das scheint eine gut gelungene Jugendparty zu sein. Und wo wird denn in diesem Gebäude, über dessen Eingang "Tanzschule Kaiser" steht, tanzen gelernt? Wo ist der elegante Tanzlehrer im dunklen Anzug, wo die jungen Tanzschüler in ihren Konfirmandenkleidern? Da diese nirgends zu entdecken sind, kommt der phantasiebegabte Beobachter zum Schluss, dass der junge Mann in Pulli und Seemannshosen, der die Diskothek mit Platten füttert, der Tanzlehrer ist und die fröhlich tanzenden und plaudernden "Partygäste" wohl die Tanzschüler sein müssen. In dieser Umgebung ist sogar der bekannte Tanzschulinhaber und ehemalige Profi-Tanzweltmeister Walter Kaiser beinahe nicht wiederzuerkennen. Man beginnt zu ahnen, dass Kaiser, der, zur Beatmusik auf den Zehen wippend, seine Schüler anfeuert, ebenso erstaunlich wie seine Tanzschule unkonventionell ist.

Und tatsächlich ungewöhnlich begann denn auch das Tänzerleben Walter Kaisers. Nicht etwa das Tanzen in der Tanzschule, sondern die Filme von Fred Astaire und Gene Kelly haben den Jüngling vom Lande dermassen fasziniert, dass er nach der Rekrutenschule sich entschloss, sein Leben dem Tanzen zu widmen. Als der junge Walter 1950 nach Zürich kam, hatte er weder eine Ahnung vom Tanzen, noch wusste er, welche Art des Tanzes ihm zusagen würde. Er schnupperte in privaten Tanzschulen und am Stadttheater herum, nahm Stepptanzunterricht, Klassisches Ballett und ein bisschen Folklore, bis er eines Tages zufällig ein Turnierpaar tanzen sah und daran Gefallen fand. Innerhalb von sechs Monaten legte er in Zürich die Tanzlehrerprüfung ab. Darauf fuhr er nach Paris, nahm bei den Folies Bergères Steppunterricht und verdiente seinen Lebensunterhalt damit, dass er in dritter oder vierter Garnitur bei Laienaufführungen in der Umgebung von Paris mittanzte. Anschliessend versuchte Walter Kaiser sein Glück in London, der Tanzmetropole der Welt. Eine relativ einträgliche Schwarzarbeit bot ihm das sogenannte "Taxi-Dancing". In England konnten nämlich damals in den grösseren Etablissements Partner, die "Taxi-Dancers", für etwa fünf Shilling gemietet werden. (Walter Kaiser schmunzelt: "Das tönt jetzt so richtig unseriös, musste es aber nicht sein."). Er mag sich noch gut erinnern, wie die wohlhabenden älteren Damen, die diesen Dienst hauptsächlich beanspruchten, in ihren Rolls-Royces vorfuhren. Er arbeitete auch in Tanzschulen als Tanzlehrer. Auf seiner Suche nach einer Partnerin hatte er dann endlich Glück. Er fand eine Schweizerin, tanzte mit ihr 1952 sogleich an den Schweizer Profimeisterschaft mit und gewann. "Ich bildete mir natürlich sofort ein, ich sei gut, und das war schlecht", kommentiert Kaiser heute seinen überraschenden Erfolg. Am drauffolgenden internationalen Turnier kam natürlich prompt die kalte Dusche: er wurde Letzter.

Von jenem Zeitpunkt an fristete Walter Kaiser das Leben eines Profi-Turniertänzers: er reiste von Turnier zu Turnier, trainierte unermüdlich, opferte seine ganze Freizeit dem Tanzen und wechselte auch mehrmals seine Partnerinnen, bis er 1958 seine erste Frau kennenlernte. Nachdem er ihr erfolgreich den Kopf vollgeschwatzt hatte, dass Tanzen Glückseligkeit bedeute, wurde sie seine Partnerin. Mit ihr kam er dann kometenhaft nach oben. Sie waren die ersten Ausländer, die 1962 die englische Meisterschaft gewannen, und 1965 erfüllte sich für das Paar der Traum eines jeden Turniertänzers: sie wurden Weltmeister in den lateinamerikanischen Tänzen. "Wenn ich nochmals von vorn beginnen könnte, würde ich wahrscheinlich Bühnentänzer werden, da einem ausgebildeten Bühnentänzer nachher viele Wege offen stehen", sinniert Kaiser. Ein Bühnentänzer muss praktisch alles können: Ballett, Grotesktanz, das heisst komische Tänze, zum Beispiel auch Cabaret. Ausserdem muss er singen und schauspielern können. Eine solche Ausbildung ist auch einem späteren Turniertänzer von Nutzen.

Denn die Jury bewertet neben der Tanztechnik, der Musikalität und dem Rhythmus eines Paares auch dessen Ausstrahlungskraft, die wesentlich von der Paarerscheinung und der Imitationsfähigkeit der Tänzer abhängt. Den Eindruck, den ein Paar also hinterlässt, ist bei der Beurteilung enorm wichtig, da der Richter in der kurzen Zeit, die ihm zur Bewertung eines Paares zur Verfügung steht, die Fehler nicht genau analysieren kann, sondern sie gefühlsmässig erfasst. Dass ein Tänzer ohne Ausstrahlungskraft einem technisch gleich guten, jedoch gut wirkenden Tänzer gegenüber das Nachsehen hat, ist offensichtlich. Deshalb rät Kaiser jedem jungen Menschen, der sein Leben dem Tanzen widmen will eine möglichst breite und seriöse Ausbildung zu wählen. Dazu gehören Ballettunterricht, Schauspielunterricht, Musikunterricht (Rhythmus- und Harmonielehre), und ein angehender Tanzlehrer sollte sich noch etwas kaufmännisches Wissen und Grundkenntnisse in Pädagogik aneignen. Der übliche Weg eines zukünftigen Profiturniertänzers beginnt im Anfängerkurs einer Tanzschule, führt über die Fortgeschrittenenkurse eventuell zum Amateurtanzen und endet beim schweizerischen Tanzlehrerdiplom, welches ihn ermächtigt, an Profiturnieren teilzunehmen. Leider kommt es relativ selten vor, dass jemand zum Turniertanzen mit all seinen Konsequenzen ja sagt. Die Entbehrungen, die ein Turniertänzer auf sich nehmen muss, halten viele begabte junge Tänzer vom Profitanzen ab. Ein weiterer, jedoch eher sekundärer Grund dafür sind Kaisers Meinung nach auch die konventionellen Kostüme der Turniertänzer. Der Frack, der nicht mehr in die heutige Zeit hineinpasst, und die weiten, gebauschten Chiffon- oder Tüllröcke, die noch aus den fünfziger Jahren stammen, geben dem Turniertanz ein verstaubtes, unattraktives Aussehen, so dass auch die grossen Verdienstmöglichkeiten die jungen Leute nicht auf die Turniere zu locken vermögen.

Grosser Beliebtheit erfreut sich hingegen der Amateurtanzsport. Allein in der Schweiz hat es fast 700 Amateurtänzer, von denen 200 auf Turnieren tanzen. Ein Amateurtänzer trainiert neben den Privatstunden bei einem Tanzlehrer rund sechs Stunden pro Woche. Er beginnt mit den Turnieren in der Klasse D und kann sich dann bis zur Klasse A oder sogar in die Sonderklasse (Nationalmannschaft) hocharbeiten. Obwohl im Amateurtanzsport die Amateurregeln streng befolgt werden, ist das Tanzen noch nicht olympische Disziplin. Erstens, weil dem Internationalen Dachverband in Bremen noch drei der 25 erforderlichen Mitgliedstaaten fehlen, und zweitens, weil das Tanzen erst in wenigen Ländern als Sport anerkannt wird. Der Schweizerische Amateurtanzsportverband kämpft schon seit einiger Zeit um Anerkennung, stösst aber auf immense Schwierigkeiten.

Denn es gibt an den massgebenden Stellen noch Leute, die nicht gewillt sind, das trainingsintensive und auf Körperbeherrschung ausgerichtete Amateurtanzen vom "Schwoofen" im raucherfüllten Dancing zu unterscheiden.

Das Turniertanzen ist wie jede andere Sportart kein Beruf, den man bis ins Pensionsalter ausüben kann. Mit spätestens vierzig müssen Turniertänzer ihren Beruf wechseln, und mit wenigen Ausnahmen satteln sie dann auf eine Tanzschule über. Kaiser war sich dessen schon sehr früh bewusst und hat deshalb 1959 seine Tanzschule hier in Zürich übernommen. Seit 1966 ist er vollamtlich Tanzlehrer und Tanzschulinhaber. An seiner Tanzschule, an der sechs Tanzlehrer unterrichten, werden neben Anfängerkursen, Ehepaarkursen und den verschiedenen Fortbildungskursen auch Jazzballett und Figurentanzen gelehrt. Ausserdem führt Kaiser angehende Tanzlehrer in die Tanztechnik und Kursführung ein, organisiert Parties, Bälle und Turniere, tritt am Fernsehen auf, studiert mit Vereinen Tänze ein, bringt einer Braut und einem Bräutigam ein paar Tage vor der Hochzeit noch schnell die Grundbegriffe des Tanzens bei..."Kaiser macht's möglich."

Obwohl in einer Tanzschule das Hauptgewicht auf dem Lernen liegt, achtet Kaiser darauf, dass die Leute in einer Ambiance tanzen lernen, die ihnen zusagt. Er erkannte als erster, dass die kalte Hallenatmosphäre und der Tenue-Zwang, die früher und in einigen Tanzschulen auch heute noch vorherrschen, besonders bei den jungen Leuten, die doch seine Hauptkunden sind, auf Ablehnung stossen. Er achtet deshalb bewusst darauf, dass in seiner Schule eine gelöste Clubatmosphäre herrscht, eine Atmosphäre, in der man sich vom Alltag erholen kann. Für viele ist die Tanzschule der Ort, wo sie ihre Freunde treffen und - last but not least - tanzen lernen. Denn gerade für die Jugendlichen sind die meisten Night-Clubs zu teuer, und die Tanzschule ist immer noch der Ort, wo sie zum erstenmal mit dem anderen Geschlecht in engeren Kontakt kommen. Kaiser lächelt: "Das Tanzen ist immer noch eine charmante Kupplerin." Hätte er die Räumlichkeiten zur Verfügung, würde er gern noch eine Cafeteria an seine Schule angliedern.

Kaiser spielt auch mit dem Gedanken, einen Lehrer einzustellen, der nur Soul-Bewegungen lehrt. Der Lehrer würde vortanzen, und die Schüler würden die Bewegungen nachahmen. Diese Art des Lernens bedingt zwar, dass der Schüler die Fähigkeit hat, intuitiv zu lernen. Die Möglichkeit, diesen Tanz, den uns die Neger gebracht haben und der heute zur Beatmusik getanzt wird, zu analysieren und nach Schema zu lehren, hält Kaiser für praktisch ausgeschlossen. Denn seit dem Twist, mit dem die Tanzrevolution begann, wurde der Gesellschaftstanz verdrängt. Die jungen Leute tanzen jeder für sich, unabhängig vom Partner und von der Umgebung. Der Gesellschaftstanz mit seinen genormten Schritten verschwand, und an seine Stelle trat das schrittlose Tanzen, bei dem das Schwergewicht auf der Körperbewegung liegt. Da der Tänzer nicht mehr an einen Partner gebunden ist, kann er seiner Phantasie freien Lauf lassen und interpretiert die Musik rein gefühlsmässig. Er tanzt nicht bewusst nach einem bestimmten Schema, sondern "es" tanzt einfach. Es gibt zwar gewisse Grundbewegungen, die im Soul-Tanzen immer wieder vorkommen. Die Hüften beschreiben ein U oder eine Acht, der Körper zieht sich zusammen und streckt sich wieder. Aber die Gelöstheit, die für diese charakteristisch schlangenhaften Bewegungen enorm wichtig ist, kann nicht gelehrt werden. Es gibt heute auch erst wenige Weisse, die diesen Tanz so gut beherrschen wie die Neger, denn im Vergleich zu ihnen ist unsere Gesellschaftsstruktur, die das Tanzen wesentlich beeinflusst, ganz anders. Unsere Erziehung, unser geschichtliches Erbe und auch unsere Einstellung zum Sex stimmen nicht mit denen der Neger überein. Immerhin kam dem Tanzen auch bei uns schon immer eine mehr oder weniger erotische Bedeutung zu. Mit einem Lächeln quittieren wir zwar heute den Entrüstungssturm, den vor 150 Jahren der Wienerwalzer auslöste, der - wie unmoralisch! - in einer Tanzhaltung mit Tuchfühlung getanzt wird. Ein Überbleibsel dieser Verklemmtheit spüren wir aber heute noch, wenn wir den Soul-Tanz der Neger nachzuahmen versuchen. Auch der hypererotische Décadence aus Frankreich, eine Art "Schwoof", bei dem die Dame dem Herrn den Rücken zukehrt und jede Art von "Tanzhaltung" beziehungsweise Handgreiflichkeit erlaubt ist, vermag nicht darüber hinwegzutäuschen.

Benny Koprio






Artikelübersicht Seitenanfang nächster Artikel